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Der "Assistenzbeitrag". Wer hat Anspruch darauf und was bringt er konkret?

Kernstück der IV-Revision 6a ist der Assistenzbeitrag für ein selbstbestimmtes Leben. Seit Januar 2012 ist das Gesetz in Kraft. In „Klar“ Nr. 2, Sommer 2013 beschreibt Naomi Jones was der Assistenzbeitrag für sehbehinderte Menschen bringen kann und wie er funktioniert.



Der Korbflechter und sein Assistent


Schwere Schneeflocken mischen sich in den Regen. Auf den Wiesen liegen schmutzige Schneereste. Es ist ein grauer Gründonnerstag. Fritz Thierstein fährt mit seinem alten Rennrad langsam den Berg hinauf. Beim Wegweiser zur Korbflechterei biegt er links ab, fährt noch ein Stück und stellt dann sein Rad am Waldrand ab. Zu Fuss steigt er den Waldweg hoch bis zu den drei Häusern im Unwillen. Hühner gackern zur Begrüssung. Es ist der Hof der Familie Schwarz. Thierstein klingelt kurz, betritt das Holzhaus und geht in den ersten Stock. Er klopft an die geflochtene Türe, bevor er sie öffnet. „Guten Tag, Fritz. Es ist furchtbares Wetter heute “, begrüsst Urs Schwarz den Eintretenden.

Körbe, Puppen- und Stubenwagen stapeln sich im unteren Drittel des Raumes. An den Wänden hängen geflochtene Binsenhüte und Werkzeug. Überall stehen mannshohe Bündel von Weidenruten. Mittendrin sitzt Schwarz auf einer Bank und lässt das angefangene Geflecht nicht aus der Hand. Ohne zu schauen greift er mit der rechten Hand nach einer neuen Rute und arbeitet sie geübt ein. Fritz Thierstein, gelernter Feinmechaniker Anfang 60, ist Assistent von Urs Schwarz. Denn Schwarz leidet an einer seltenen Gelenkkrankheit und ist stark gehbehindert. Im Alter von elf Jahren ist er aufgrund einer Netzhautablösung vollständig erblindet. „Was hast du heute für mich?“, fragt Thierstein. „Im Gang steht ein Stuhl mit einem Loch in der Lehne. Kannst Du mir die beiden kaputten Stränge herausnehmen?“

Thierstein holt den kaputten Stuhl und setzt sich auf einen Hocker. Die beiden Männer arbeiten eine Weile schweigend. Nun hat Thierstein den Auftrag erledigt. Er bringt den Stuhl zu Schwarz. Dieser befühlt die bearbeitete Stelle. „Kannst Du mir noch die beiden neuen Stränge, die ich zum Flicken des Lochs brauche, einfärben? Der Retouchierstift liegt auf dem Tisch.“

Urs Schwarz lernte sein Handwerk vor 28Jahren. Damals war er der erste blinde Lehrling seit langem, der die dreijährige Lehre zum Korbflechter mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abschloss. Es folgten ihm bis heute nur ein paar wenige Sehbehinderte, die den Abschluss schafften. „Durch meine Körperbehinderung habe ich von klein an gelernt, meine Möglichkeiten bis ans Limit und oft darüber hinaus auszureizen. Obwohl auch meine Hände von der Krankheit betroffen sind, sind sie mein wichtigstes Werkzeug. Ich kam immer ans Ziel. Dahin suchte ich mir einen eigenen Weg.“

Flexibilität und Organisation


Nach der Lehre richtete sich Schwarz auf dem elterlichen Hof eine Werkstatt ein und machte sich selbständig. Dank bescheidenen Ansprüchen und einer IV-Rente kann er davon leben. Für gewisse Arbeiten braucht er jedoch Assistenz. Einige Tätigkeiten, etwa den Auftrag, den er soeben Fritz Thierstein gegeben hat, könnte er zwar selber übernehmen, jedoch würde er viel mehr Zeit als eine sehende Person benötigen. Andere Arbeiten, wie das Hantieren mit Feuer, sind zu gefährlich. „Meine Finger sind meine Augen. Mit Brandwunden kann ich nicht mehr arbeiten.“ Oder es ist schwierig, ein visuell befriedigendes Resultat hinzukriegen, zum Beispiel im Umgang mit Leim. Seine Arbeiten verkauft Urs Schwarz auf den umliegenden Märkten. Hier benötigt er einen Assistenten zum Verladen der Korbwaren, Fahren, Aufbauen des Standes und vor Ort zur Orientierung.

Fritz Thierstein, Assistent in der Korbflechterei, arbeitet nach gegenseitiger Absprache für Urs Schwarz. Im Alter von 59 Jahren hat Thierstein seine langjährige Stelle verloren. Seither ist er für verschiedene Bauern und Handwerker in der Umgebung tätig. Die Auftragslage bei den Bauern ist vom Wetter abhängig. Bei Schwarz kann er auch bei schlechtem Wetter arbeiten. „Ich muss mich gut organisieren, dass ich einerseits immer genügend Arbeit für Fritz habe und dennoch flüssig arbeiten kann, wenn er nicht da ist“, bemerkt Schwarz. Er hingegen entscheide sich manchmal kurzfristig, auf einen Markt zu fahren. So sind beide auf die Flexibilität des andern angewiesen.

Auch andere wagen den Schritt


Seit im Januar 2012 die IV-Revision 6a in Kraft getreten ist, können Personen im erwerbsfähigen Alter, die in einem eigenen Haushalt leben und Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung haben, bei der IV Antrag auf einen Assistenzbeitrag stellen. Dieser hilft ihnen dabei, ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten. Mit dem gesprochenen Betrag sind behinderte Personen frei, Assistenten für genau diejenige Unterstützung, die sie brauchen und wünschen, anzustellen.

Auch Hanspeter Schaffner, sehbehinderter Fürsprecher, beschäftigt verschiedene Assistenzpersonen. Er setzt sie vor allem in der Freizeitgestaltung und der gesellschaftlichen Teilhabe ein. Mit einem Assistenten zusammen erledigt er Gartenarbeiten oder lässt sich ein neues Gerät in seiner gut ausgerüsteten Holzwerkstatt erklären. Eine Assistentin macht Hausarbeiten und eine zweite Assistentin begleitet Schaffner auf Einkäufen, ins Fitnesscenter und zu Arztterminen. „Dank den Assistenten bin ich nicht vom Terminkalender meiner Frau abhängig und sie muss mich nicht mehr immer begleiten. Dies entlastet unsere Partnerschaft sehr“, erzählt er.

Sein Assistententeam suchte Schaffner mit einem Inserat im Anzeiger. Er erhielt etliche gute Zuschriften. Er führte Bewerbungsgespräche und stellte zwei Personen fest an. Zwei weitere Personen befinden sich noch in der Probezeit. Im Bewerbungsgespräch ging es darum, herauszufinden, ob die Person die benötigten Qualifikationen mitbrachte, aber auch, ob die zwischenmenschliche Chemie stimmte, und ob es im Hinblick auf die Freizeitgestaltung gemeinsame Interessen gab: „Ich lasse mich lieber von jemandem an ein Konzert begleiten, der die Musik auch geniesst." Dass Schaffner mit seinen Assistenten einen Arbeitsvertrag abschliesst und Sozialleistungen für sie bezahlt ist Bedingung der IV. Schaffner stellt seinen Arbeitnehmern jeden Monat eine Lohnabrechnung aus und einmal im Jahr eine Steuerbescheinigung. Jeden Monat rechnet er mit der IV ab, um die Lohnkosten rückvergütet zu erhalten. „Der administrative Aufwand als Arbeitgeber ist beträchtlich“, erklärt er.

„Aber er lohnt sich“, meint Olivier Maridor „wie auch der grosse Aufwand für den Antrag bei der IV.“ Gute fünf Stunden benötigte Maridor allein um das Antragsformular auszufüllen. Noch einmal so lange dauerte die Befragung der IV-Sachbearbeiterin bei ihm zu Hause. Dreissig Stunden Assistenz pro Monat wurden dem Sehbehinderten bewilligt. Heute beschäftigt der Kaufmann je eine Assistentin für die Wäsche, fürs Putzen und für die private Administration. „Ich habe zwar eine Anstellung in der Administration, aber ich kann nicht ganz alle Arbeiten erledigen und für einige Dinge brauche ich länger. Deshalb setze ich meinen Assistenzbeitrag für eine administrative Assistentin ein. So habe ich Zeit und Energie für Dinge, die ich in meiner Freizeit lieber tue.“

Noch nicht perfekt, aber die richtige Richtung


Urs Schwarz kennt Fritz Thierstein schon lange. Die Geschwister Schwarz waren Schulkameraden von Thiersteins Kindern. Später baute der Feinmechaniker in seiner Freizeit zusammen mit dem Korbflechter historische Puppenwagen nach. Als Schwarz von Thiersteins Arbeitslosigkeit erfuhr, fragte er ihn ab und zu um Hilfe an. Das war noch vor dem Assistenzbeitrag. Seither kann er Thiersteins Unterstützung öfter in Anspruch nehmen. „Für mich war es ein Glücksfall. Die Tätigkeit bei Urs ist viel befriedigender, als die Arbeit, die ich vorher machte. Ich lerne viel Neues und ich sehe einen Sinn in der Arbeit. Heute schaue ich Vieles mit neuen Augen an. Man hat so viel und ist doch unzufrieden. Wenn ich aber sehe, wie zufrieden Urs lebt, profitiere ich persönlich von der Begegnung.“

Ein verschmitztes Grinsen huscht über Urs Schwarz‘ Gesicht. Mit dem dunklen Schnauz, der roten Schirmmütze, der verwaschenen Cordhose und dem handgestrickten Norwegerpullover mitten in seiner Werkstatt wirkt der 46-Jährige wie ein Zigeunerhauptmann aus dem 19. Jahrhundert. Die helle Stimme und die scharfe Zunge stehen im Kontrast zu seinem gedrungenen Körper. Schwarz ist nicht einer, der um den heissen Brei redet. „Es gibt einiges im System des Assistenzbeitrags, das noch nicht perfekt ist. Zum Beispiel finde ich es problematisch, dass die IV Angehörige nicht als Assistenten anerkennt. Zumindest zu einem Teil, sollte man auch Angehörige anstellen können. Einerseits könnte man ihnen dadurch etwas zurückgeben, andererseits sind sie immer da und erledigen rasch hier und dort etwas. Aber grundsätzlich ist das Ganze ein Schritt in die richtige Richtung.“

Urs Schwarz steht auf und geht mit Hilfe der Krücke schwerfällig und doch erstaunlich rasch zum Wassertrog mit den eingeweichten Weidenruten. Seine Füsse stecken in orthopädischen Spezialschuhen. Zurück auf seiner Bank macht er das angefangene Weidenkörbchen fertig und beginnt gleich das nächste. Bald ist der Langnauer Sommermarkt. „Fritz, kannst du mir bitte noch die weissen Ruten reichen?“

Information: Bedingungen für einen Assistenzbeitrag


Anspruch auf einen Assistenzbeitrag haben volljährige Personen im erwerbsfähigen Alter, wenn sie eine Hilflosenentschädigung beziehen und zu Hause leben. Für Minderjährige gibt es besondere Bedingungen. Personen, die im Heim wohnen, jedoch beabsichtigen, aus dem Heim auszutreten, können ebenfalls ein Leistungsgesuch bei der IV-Stelle einreichen. Der Assistenzbeitrag wird zusätzlich zur IV-Rente und zur Hilflosenentschädigung ausbezahlt. Er wird aufgrund des regelmässigen zeitlichen Hilfebedarfs festgelegt und beträgt in der Regel Fr. 32.80 pro Stunde. Darin sind die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge an die Sozialversicherungen und die Ferienentschädigung enthalten.
Die Assistenzperson darf nicht mit der Person, die den Assistenzbeitrag beantragt, verheiratet sein, mit ihr in eingetragener Partnerschaft leben oder in direkter Linie mit ihr verwandt sein. Hilfeleistungen, die während eines Aufenthaltes in einer Institution erbracht werden und Hilfeleistungen von Organisationen sind nicht anerkannt.


Quelle: Klar Nr. 2, Sommer 2013
Das Schweizer Magazin zum Thema Sehbehinderung.
Mit einem Dossier zum Thema "Invalidenversicherung"