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Der Umgang mit geistig behinderten Kindern in Regelklassen. Eine volle Integration wird den Betroffenen meist nicht gerecht und scheitert oft – NZZ 26.09.2006

Seit einigen Jahren werden, oft auf Initiative der Eltern, Kinder mit einer geistigen Behinderung in einen normalen Kindergarten oder eine Primarschule integriert. Diese Versuche scheitern aber meistens, weil die Kinder dort überfordert sind und zu wenig spezifische Betreuung erhalten. - Von Riccardo Bonfranchi



Wenn geistig behinderte Kinder heute in eine Regelschule integriert werden, und dies ist immer öfter der Fall, erhalten sie üblicherweise auch eine heilpädagogische Begleitung im Umfang von sieben Lektionen pro Woche. Diese werden von der IV bezahlt und in der Regel durch eine Heilpädagogin abgedeckt. Die übrige Zeit erhält das behinderte Kind so viel Zuwendung und Aufmerksamkeit von der Lehrperson, wie diese neben dem Unterrichten der anderen Kinder geben kann.

Erfahrungen der letzten Jahre haben nun an den verschiedensten Orten in der Deutschschweiz gezeigt, dass diese Kinder nach einigen Jahren, meist noch vor Ablauf der Primarschulzeit, zum Teil bereits nach dem Kindergarten oder nach dem Ende des zweiten Primarschuljahres, in eine heilpädagogische Schule überwiesen werden. Ein solcher Wechsel in eine heilpädagogische Schule läuft nicht immer ohne Schwierigkeiten ab, weil diese Kinder, die zu den kognitiv stärksten der Gruppe der geistig behinderten gehören, sehr wohl verstehen, dass es sich bei diesem Schulwechsel um eine Herabstufung handelt. In vielen Fällen hat die Schulpflege beschlossen, dass ein weiterer Verbleib im Regelbereich nicht mehr möglich ist, weil sich die Schere mittlerweile so weit geöffnet hat, dass eine gemeinsame Beschulung nicht mehr als sinnvoll erachtet wird.


Ein fremdes Konzept übernommen



Bereits in den achtziger Jahren hat man begonnen, sich darüber Gedanken zu machen, dass lernbehinderte Kinder nicht mehr in Sonderklassen überwiesen werden sollten. Sie sollten, so war die Meinung, mit einer heilpädagogischen Begleitung, in den Regelklassen verbleiben. Das Ziel war, die Lernbehinderung quasi zum Verschwinden zu bringen. Dieses Modell, das insbesondere vom Freiburger Heilpädagogikprofessor G. Bless erforscht und umgesetzt worden ist, war über weite Strecken erfolgreich. Nachdem nun Eltern von geistig behinderten Kindern realisiert hatten, dass lernbehinderte Kinder im Regelbereich integriert werden, erhoben sie, und wie ich meine, zu Recht, die Forderung, dass sie auch ihre Kinder integrieren dürften. Es wurde also ein mehr oder weniger erfolgreiches Konzept aus der Lernbehindertenpädagogik in den Bereich der geistigen Behinderung übertragen.


Die spezifische Betreuung fehlt



Erscheint eine Integration von Kindern mit einer geistigen Behinderung ohne flankierende Massnahmen, so wie sie heute stattfindet, sinnvoll? Ist das Konzept, sofern man denn in diesem Bereich eines hat, tragfähig genug? Was bedeutet für geistig behinderte Kinder ihr Sonderstatus bei einer hundertprozentigen Integration? In der Regel befindet sich nämlich immer nur ein geistig behindertes Kind in einer Regelklasse. Was bedeutet es wiederum für diese Kinder und für ihre Eltern, wenn sie nach ein, zwei oder mehreren Jahren dann doch in eine heilpädagogische Schule eingeschult werden? Warum scheitert die Integration von Kindern mit einer geistigen Behinderung im Regelschulbereich fast immer? Warum sind eigentlich keine schwer und mehrfach geistig behinderten Kinder integriert worden? Findet hier sogar eine Selektion statt? Es ist nämlich auffallend, dass es sich bei der Integration von geistig behinderten Kindern fast ausschliesslich um Kinder mit einem Down-Syndrom handelt. In den heilpädagogischen Schulen befinden sich aber noch andere geistig behinderte Kinder. Schwerer behinderte Kinder mit Rollstuhl, ohne Verbal-Sprache, etwa mit Stereotypien oder Autoaggressionen wurden nicht integriert.

In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden heilpädagogische Schulen aufgebaut und eingerichtet. Man fand es sinnvoll, dass diesen Kindern eine eigene Förderung in einem eigenen Tempo zuteilwerden sollte. Sie sollten fachspezifisch von ausgebildetem Personal ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert und heilpädagogisch begleitet werden. In der Regel hat jedes Kind einen eigenen Förderplan, der immer wieder angepasst wird. Dazu kommt das Angebot an Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie.

Es gibt viele Kinder in einem Rollstuhl, es gibt Kinder mit Sonden, Schienen oder Orthesen. Die Anpassung und der sinnvolle Umgang werden an diesen Schulen geplant und umgesetzt. Ist der Regelbereich in der Lage, das zu leisten? Nein, und er muss es auch nicht. Es ist Auftrag der heilpädagogischen Schulen, dies zu leisten, und sie tun dies heutzutage auf einem hohen Standard. All dies fällt aber bei einer Vollintegration in eine Regelschule fast vollständig weg.

Betrachten wir exemplarisch ein Phänomen, nämlich das des Lerntempos. Nicht behinderte Kinder können sich, was das Tempo der Verarbeitung von Informationen anbelangt, einer gewissen Durchschnittsgeschwindigkeit anpassen. Jeder, der sich plötzlich in einem Umfeld bewegen muss, wo beispielsweise eine andere Sprache gesprochen wird, die er kaum oder eventuell gar nicht versteht, wird sofort nachvollziehen können, dass alles zu schnell geht. Wenn man bei einer Sache glaubt, etwas verstanden zu haben, ist es schon wieder vorbei und wird durch neue Informationen überdeckt.

So geht es geistig behinderten Kindern bereits in einem Kindergarten. Es gelingt ihnen nicht - um mit dem Entwicklungspsychologen Piaget zu sprechen -, ihre Schemata an diejenigen der Umwelt zu assimilieren. Ich behaupte deshalb, dass eine so unkritische, konzeptlose Integration, wie sie teilweise heute umgesetzt wird, geistig behinderten Kindern in ihrer Entwicklung schadet. Sie sind einer permanenten Überforderung ausgesetzt, die man keinem nicht behinderten Kind zumuten würde. Die Aussage, dass sich geistig behinderte Kinder und nicht behinderte Kinder im Kindergartenalter kaum unterscheiden, ist ein fataler Fehlschluss, denn bei einer Vollintegration setzt man das geistig behinderte Kind, vor allem wenn es kein adäquates Gegenüber wie andere geistig behinderte Kinder hat, einer Vereinzelung aus, die ich mit einem Rückschritt ins Mittelalter gleichsetze.


Instrumentalisierung von Behinderten



Man sollte sich sehr wohl Gedanken über eine sinnvolle Integration von geistig behinderten Menschen in gesellschaftliche Teilbereiche machen. Dass dies allerdings mit einer Vollintegration in die Regelschule umgesetzt werden kann, ist sehr zu bezweifeln. Anders wäre die Situation schon, wenn jeweils vier Kinder zusammen mit einer geistigen Behinderung zusammen integriert würden.

Warum kommt es also doch zur teilweisen Integration von einigen Kindern mit Down-Syndrom? Diese Eltern pochen auf ihr Recht der Integration, ohne dass die Regelschule auch nur ansatzweise bereit ist, sich konzeptionell darauf einzulassen. Ob bei grösseren Schulklassen Lehrpersonen bereit sind, ein geistig behindertes Kind in ihre Klasse aufzunehmen, ist unschwer vorherzusagen. Was aber noch schwerer wiegt, ist die völlige Aufgabe der spezifischen heilpädagogischen Förderung und Therapie zum Preis einer (Schein-)Integration. Kinder mit geistiger Behinderung sollten nicht allein deshalb integriert werden, damit sich Eltern besser fühlen, weil ihr Kind keine heilpädagogische Schule besucht und nicht behinderte Kinder in den Genuss der Kontaktaufnahme mit solchen Menschen kommen. Es geht um diese Menschen selber.

Die Integration von Menschen mit geistiger Behinderung ist ein wichtiges Anliegen. Das bedeutet, dass man einerseits Orte und Gelegenheiten sucht, in denen es Sinn ergibt, diese Menschen zu integrieren. Das kann beispielsweise in einem Sportverein sein, in einer Musikschule oder auch im religiösen Bereich. Es bedeutet andererseits aber auch, dass die Regelschule bereit sein müsste, diese Menschen aufzunehmen, ohne dass die für sie sinnvolle spezifische Förderung und Therapie geopfert werden muss.


Der Autor Riccardo Bonfranchi ist Schulleiter der heilpädagogischen Tagesschule der RGZ-Stiftung in Zürich Schwamendingen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 26. September 2006


Zum selben Thema auf dieser Seite: Integrative Schulung behinderter Kinder schafft soziale Integration - NZZ 19. März 2007