Suche

Yvonn Scherrer - Reporterin aus Leidenschaft

Yvonn Scherrer ist seit elf Jahren Redaktorin bei Schweizer Radio DRS 1. Heute ist sie in der Redaktion “Leben und Leute“ tätig. Im Gespräch mit Naomi Jones erzählt sie im "Weg" Nr. 5 2009 davon, wie sie als blinde Frau mit den technischen Herausforderungen ihres Berufs umgeht, wie sie zum Radio kam und was sie dort hält.

“der Weg“: Frau Scherrer, wie sieht Ihre Arbeit aus?


Yvonn Scherrer: Beim Radio gibt es Moderatoren und Journalisten, genannt Redaktoren. Ich bin Journalistin und mache Sendungen von A bis Z. Oft findet man die Idee für eine Sendung in Zeitungen oder anderen Medien. Gegenüber meinen sehenden Kollegen bin ich hier im Nachteil. Ich lese weniger Zeitungen. Dafür kenne ich viele Leute, die mich mit Tipps beliefern. So komme ich zu exklusiven Themen. Dies wiederum ist ein Vorteil.


Auch bei den Interviews erweist sich meine Sehbehinderung, ich bin als Baby erblindet, gewissermassen als Vorteil. Was ich nicht sehe, lasse ich mir genau beschreiben. Dadurch wird die Sendung präziser. So wie ich die Welt durch die Ohren wahrnehme, nehmen die Zuhörer die Radiosendung wahr. Die Information muss ohne visuelle Hilfe auskommen. Ich habe ein grösseres Bewusstsein dafür. Nach den Aufnahmen bearbeite ich im Studio das Material. Ich schneide die Tondokumente und spreche Texte darüber, ich mische meine Sendungen auch selber ab.


“der Weg“: Welche Hilfsmittel brauchen Sie?


Yvonn Scherrer: Seit Anfang dieses Jahres bin ich ein grosses Stück selbstständiger geworden. Ueli Karlen, ein Audiotechniker von Radio DRS, und René Schneider, ein JAWS-Experte, haben gemeinsam mit mir die Audio-Bearbeitungssoftware “Sequoia“ an meine Bedürfnisse adaptiert. Bis dahin konnte ich die Beiträge zwar selber schneiden, aber nicht mischen. Jetzt kann ich auch mischen. Wir haben meinen Computer mit einer zusätzlichen Tastatur ausgerüstet, die ähnlich wie bei Registrierkassen, mit verschiedenen Befehlen belegt ist. Von JAWS erhalte ich beim Ausführen der Befehle immer ein Feedback, so dass ich den Befehl rückgängig machen kann, wenn ich mich in der Tasteverwählt habe. Dazu gehört ein “Hardware-Controller“, eine Art Mischpult.


Ich habe zweileistungsstarke Computer mit JAWS und einer Braillezeile, einen Scanner und je einen Schwarz und Punktschriftdrucker. Unterwegs benutze ich ein BrailleLite, einen Laptop und zum Aufnehmen einen Flashcardrecorder. Diesen habe ich mir wegen seiner Bedienerfreundlichkeit und der Qualität der Aufnahmen selbst gekauft. Ich habe hohe Qualitätsansprüche und will auf jeder Ebene gute Sendungen machen.


Oft nehme ich einen Assistenten auf Reportage mit. Er hilft mir Orte zu finden, bedient die Technik und hält das Mikrofon. Wenn sich die Gesprächspartner vom Mikrofon wegbewegen, kann ich ihnen nicht rasch genug folgen, was man in der Aufnahme hört und mich stört. Einen Teil dieser Hilfsmittel finanziert die IV. Auch mein Arbeitgeber ist sehrgrosszügig. Für das Adaptieren von “Sequoia“ hat er mich und Ueli Karlen mehrmals freigestellt. Einen Teil der Hilfsmittel finanziere ich aber selbst, für die benötigten Assistenzleistungen treibe ich die Mittel auf. Ich habe die Initiative zum Adaptieren von “Sequoia“ ergriffen und auch Freizeit investiert. Ich wollte endlich selbst mischen können. Denn ich will alle Arbeiten ausführen können, die zu meinem Berufgehören.


Last but not least habe ich ein grosses Netz von Personen, die ich fragen kann, wenn ich etwas brauche. Die meisten Menschen sind sehrhilfsbereit, und es fällt mir kein Stein aus der Krone, wenn ich um etwas bitte.


Mein Beziehungsnetz knüpfe und pflege ich aktiv. Wo möglich, versuche ich Leistungen in irgendeiner Form abzugelten. Mit der Zeit ist mir aber auch bewusst geworden, dass ich allein durch mein so sein, wie ich bin, viel zurückgebe. Ich brauche Leute, die mir ihre Augen leihen. Dadurch sehen sie selbst mehr. Es ist ein gegenseitiger Austausch.



“der Weg“: Wie sind Sie Journalistin geworden und wie sind Sie zu Ihrer Stelle gekommen?


Yvonn Scherrer: Eigentlich wollte ich schon immer zum Radio. Aber ich sah keinen Weg und man hat mir abgeraten. In der Welt des Journalismus muss man ein dickes Fell haben. Es wartet niemand darauf, dass man kommt.


Nach der Matura habe ich mich in der Theologie eingeschrieben. Ich hätte gerne Philologie und alte Kulturen studiert. Aberwas macht man damit? In der Theologie hatte ich von allem ein wenig: Geschichte, Kulturen, Sprachen. Von dieser Basis profitiere ich noch heute.


Nach dem Studium fand ich eine Volontariatsstelle bei MEDIALOG. MEDIALOG war eine Agentur, die Lokalradios mit Sendungen zu Themen aus Gesellschaft und Religion belieferte. Hier habe ich das Schneiden gelernt. Ein Kollege sagte mir klipp und klar: “Wenn du Radiomachen willst, musst du schneiden können.“ Mit viel Geduld hat er es mir beigebracht. Wochenlang habe ich geübt. Damals hat man noch Bänder geschnitten. Sehende konnten sich die Schnittstellen mit einem Stempel markieren. Ich musste alles mit dem Gehör und dem Gedächtnis machen. Ich musste mir die Stellen, die ich schneiden wollte, merken und meinen Daumen als Stempel benutzen. Vieles verdanke ich Sehenden, denen es Spass gemacht hat, mir etwas beizubringen.


In Freiburg studierte ich Journalistik und arbeitete weiterhin bei MEDIALOG. Nach dem zweiten Studium wollte ich eine feste Stelle. Ich hatte Glück und Leute, die sich für mich einsetzten. Dank Empfehlungen wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Köbi Knaus, damaliger Leiter des Studios Bern von DRS 1, ist ein experimentierfreudiger Mensch. Er hat erkannt, dass das Radio als Ohrenmedium von Blinden als ausgeprägten Ohrenmenschen profitieren kann. Köbi Knausund der damalige Radiodirektor waren bereit, für mich eine Praktikumsstelle zu schaffen. Dank dem Entgegenkommen des Arbeitgebers ist aus dem Praktikum schliesslich eine feste Stelle geworden, an der ich seit elf Jahren gerne und leidenschaftlich arbeite.



“der Weg“: Was macht diese Leidenschaft aus? Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?


Yvonn Scherrer: Meine Welt ist Ton, sie ist Geruch, Geschmack und Haptik, und ich bin neugierig auf die Welt. Ich will die Welt erfahren. Ich will wissen, wie sie aussieht. Zum Beispiel sind Farben wichtig für mich. Ich kann mir eine Welt ohne Farben nicht vorstellen, obwohl ich keine Erinnerung daran habe.


Töne sind unheimlich reich an Information. Aber es ist eine eigene Art von Information. Ton hat etwas Magisches, ähnlich wie Duft. Viele Inhalte des Tones entziehen sich der exakten Wissenschaft. Sie sind nicht messbar. Die Information, die der Ton vermittelt, ist nicht in Worten auszudrücken. Es geht um Stimmungen, um Gefühle. Sie sind schwierig zu fassen. Der Ton aber kann sie ausdrücken.


Schon als Vierjährige habe ich Töne und Geräusche aufgenommen, Hörspiele gemacht und von allen alles wissen wollen. Mit Ton habe ich die Welt erforscht. Mit dem Radiomachen erforsche ich sie noch heute.


Quelle: Der Weg, Organ des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, Nr. 9, September 2009